Das Labor für Gang- und Bewegungsstörungen des Ö. LKH-Hochzirl-Natters, Abteilung für Neurologie, das bereits 2002 installiert wurde, vereint videogestützte Bewegungsanalyse mit der Berechnung von kinematischen und kinetischen Daten sowie mit einer Poly-EMG-Messung. Die umfangreiche klinische Untersuchung komplettiert das Bild des Patienten und verhilft der Objektivierung von menschlicher Motorik und deren Defiziten in der Neurorehabilitation zu neuem Standard. Die Pedographie ist angedacht.

Das Bewegungslabor bietet neben dieser Objektivierung die Möglichkeit die motorische Kontrolle der Patienten zu dokumentieren, ihre Kompensationsmechanismen herauszufiltern und ihr Potential zu quantifizieren, auf dessen Basis die Beurteilung der Prognose und der therapeutischen Strategie zur Verbesserung aufgebaut werden kann.
Weiters ermöglicht es die Objektivierung diverser medikamentöser Einflüsse auf den Bewegungsapparat und erweist sich damit als wichtiges Hilfsmittel zur Stellung eindeutiger Indikationen (oral, lokal – Botox und intrathekal - Baclofen).
Die Bewertung des rehabilitativen Fortschritts der Patienten und die damit verbundene Rechtfertigung der Rehabilitationskosten braucht objektive Maßstäbe, welche durch dieses Labor umgesetzt werden können.
 
Instrumentalisiert Ganganalyse
Die klinische instrumentalisierte Ganganalyse umfasst neben der ersten schnellen Beobachtung des Patienten eine Reihe objektiver Verfahren zur Beurteilung menschlicher Motorik. Diese sind die klinische Untersuchung, die Videoanalyse in der Frontal- und Sagittalebene, die 3-D-Bewegungsanalyse, die funktionelle Elektromyographie (EMG), die Pedographie und die Sauerstoffmessung. Letztere wird im klinischen Alltag seltener durchgeführt.
 

Klinische Untersuchung
Die klinische Untersuchung umfasst die Abmessung der antropometrischen Daten (Größe, Gewicht, Beinlänge, Beinumfang), das Testen des Bewegungsumfanges (ROM) der einzelnen Gelenke, die Tonusprüfung der Muskulatur und die Testung von Kraft und Selektivität des Patienten. Funktionelle Tests (Duncan Ely, Phelp-Test, Silverskiol-Test) dürfen dabei genauso wenig fehlen wie eine neurologische Untersuchung (Reflexe, Kennmuskeln, Dermatome).
 

Beobachtung und Videoanalyse
Das reine Beobachten des Gehens erzeugt zwar einen ersten wichtigen Eindruck von der Bewegung des Patienten, leidet aber sehr unter den Grenzen des menschlichen Auges: diese sind die geringe Informationsverarbeitung, der automatische Fokus auf einen kleinen Bereich der Bewegung, das Nicht-Erfassen von schnellen Bewegungen, die nicht simultane Evaluation von Bewegungskomponenten auf unterschiedlichen Ebenen des Bewegungsapparates und das Unvermögen der Beurteilung von Gelenkskräften. Dazu kommt die Notwendigkeit der großen Erfahrung seitens des Beobachters und das Fehlen einer Dokumentationsmöglichkeit.

Die Videoanalyse besticht mit den relativ geringen Kosten, der leichten Anwendung und Verfügbarkeit, die schnelle Analyse der Bilddaten, die Wiederholbarkeit und die Zeitlupe. Zusätzlich gibt die Videoanalyse eine klinische Überprüfung der instrumentalisierten 3-D-Bewegungsanalyse. Der große Nachteil der Videoanalyse liegt in der Zweidimensionalität (verzerrte Gelenksstellungen und reine qualitative Beurteilung).
 

3-D-Bewegungsanalyse
3-D-Bewegungsanalysen haben den Vorteil einer quantitativen Beurteilung der Bewegung in allen drei Raumebenen bezüglich der Orientierung der Segmenten, der Gelenkspositionen und der Gelenkwinkel (Kinematik). Die Verwendung von Kraftmessplatten ermöglicht das zusätzliche Erfassen der Gelenkkräfte, Gelenkmomente und der Leistung der Muskulatur (Kinetik). Diese Systeme weisen eine hohe Präzision in der Markererkennung, eine enorme Messgenauigkeit und starke Auflösung der Messpunkte auf (mm-Bereich). Damit ist ein objektives Messen und ein internationaler Datenaustausch möglich. Die Nachteile solcher System sind die hohen Geräte- und Personalkosten, der relativ große Zeitaufwand für das Untersuchungsprozedere, der große Platzbedarf, die intensive Schulung des Personals, das jahrelange Aneignen der Erfahrung und eine Modellierung der Wirklichkeit, die nur auf Standardvoraussetzungen beruht.
 

EMG-Untersuchung
Die Elektromyographie (EMG) mittels konventioneller Oberflächenelektroden ermöglicht die Analyse der muskulären Koordination während der Bewegung. Sie quantifiziert die Summenpotentiale der einzelnen Muskelzuckungen, misst die synchrone Aktivität mehrerer Muskeln und beschreibt die Muskelaktivität in Relation zur Bewegung. Der große Vorteil des EMG liegt in der genauen Wiedergabe der Muskelpartitur des Gehaktes. Nachteile sind in der Handhabung und Datengenerierung der hochsensiblen Elektroden und der richtigen Bearbeitung der Daten (Filterung) gegeben.
 

Pedographie
Die Pedographie stellt eine objektive Beurteilung der Fußfunktion während des Bodenkontaktes unter dynamischen Belastungsbedingungen dar und bietet die Möglichkeit, den örtlichen Effekt einer Kraft zu beschreiben. Damit ist der Einsatz für diagnostische Zwecke für die Quantifizierung einer Pathologie, für die Beurteilung des Therapieerfolges und die Überprüfung des Heilungsverlaufes im Bereich des Fußes möglich.
 

Klinische Studien
Neben der Betreuung der Patienten ist die wissenschaftliche Bearbeitung alltagsrelevanter Themen der motorischen Kontrolle und des motorischen (Wiederer-)Lernens in der Rehabilitation wichtiger Bestandteil der Arbeit in Hochzirl-Natters. Neue medizinische Produkte und Therapiestrategien werden objektiviert und auf ihre Anwendbarkeit für den klinischen Alltag hin getestet. Das Erstellen individueller Fragestellungen (formale Hypothese), das Planen von Studiendesigns (Festlegen des Studientyps und der Zielgruppe, Auswahl des statistischen Testverfahrens, Randomisierung und Verblindung), die Aquisition und das Auswerten der Daten stehen immer im Dienst einer besseren Patientenversorgung.


Forschungsgebiete:
* Motorische Kontrolle
* Motorisches Lernen
* Sensomotorische Entwicklung über die Lebensspanne
* Grundlagenforschung zum Gehen
* Grundlagenforschung zur Aktivität der oberen Extremitäten
* Robotik in der Neurorehabilitation
* Plastizität des Zentralnervensystems
* Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Querschnitt
* Orthesenversorgung
* Entwicklung der Motorik
* Schuhversorgung


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